Was ist Gegenpressing?
Klassisches Pressing beginnt, wenn der Gegner den Ball hat und aufbaut. Gegenpressing ist die Sonderform direkt nach dem eigenen Ballverlust: Statt sich zurückfallen zu lassen und die Abwehr zu ordnen, jagen die nächsten Spieler den Ball sofort wieder an. Die Idee ist alt, populär gemacht haben sie in Deutschland vor allem Ralf Rangnick und Jürgen Klopp. Mit Klopps Borussia Dortmund wurde der Stil Anfang der 2010er-Jahre zum Markenzeichen; der BVB holte 2011 und 2012 die Meisterschaft.
Klopp sagte sinngemäß, ein gutes Gegenpressing sei der beste Spielmacher, den man haben könne. Gemeint ist: Ein Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte schafft eine Torchance mit wenigen Pässen, für die eine Mannschaft im Aufbau sonst viel Geduld bräuchte.
Warum funktioniert es?
- Der Gegner ist ungeordnet. Nach einem Ballgewinn stehen seine Spieler oft in Angriffsposition und schauen nach vorn. Passwege müssen erst gefunden werden.
- Der Weg zum Tor ist kurz. Ein Ballgewinn auf Höhe des gegnerischen Strafraums braucht oft nur einen Pass zum Abschluss.
- Es verhindert Konter. Wer den Ball sofort angreift, lässt dem Gegner keine Zeit, das Umschaltspiel einzuleiten.
Was braucht eine Mannschaft dafür?
Gegenpressing ist keine Frage von Mut allein. Es steht und fällt mit der Organisation:
- Kompakte Abstände. Spieler müssen auch im eigenen Ballbesitz nah beieinander stehen, damit nach dem Verlust mehrere sofort am Ball sind.
- Gemeinsame Auslöser (Trigger). Typische Signale: ein schwacher Pass, ein Rückpass, ein Gegner mit dem Rücken zum Tor. Wer den Auslöser erkennt, startet; die anderen schließen die Passwege.
- Restverteidigung. Zwei bis drei Spieler bleiben so postiert, dass ein überspielter Pressingversuch keinen Konter erlaubt.
- Fitness und Timing. Das Gegenpressing wirkt in den ersten Sekunden. Wird der Ball nicht schnell zurückerobert, ist ein geordneter Rückzug oft die bessere Wahl.
Woran du es beim Zuschauen erkennst
- Direkt nach dem Ballverlust laufen drei, vier Spieler gleichzeitig in Richtung Ball, statt zurückzutraben.
- Der Ballgewinner wird zugestellt und spielt oft einen riskanten Befreiungsschlag.
- Die Kette dahinter schiebt mit nach vorn; die Abstände zwischen den Linien bleiben klein.
Wie misst man Pressing? Die Kennzahl PPDA
Eine verbreitete Kennzahl ist PPDA (Passes Per Defensive Action): Wie viele Pässe darf der Gegner in seiner Aufbauzone spielen, bevor das pressende Team eingreift (Tackling, Interception, Foul)? Ein niedriger Wert bedeutet intensives Pressing. PPDA misst allerdings Pressing insgesamt und nicht nur das Gegenpressing, und die Werte unterscheiden sich je nach Datenanbieter. Auf dieser Seite haben wir keine PPDA-Daten; entsprechende Auswertungen findest du bei Anbietern wie Opta (unter anderem über bundesliga.com).
Risiken und Gegenmittel
Gegenpressing kostet Kraft. Es funktioniert schlecht gegen Mannschaften, die den Ball mit einem schnellen Pass aus dem Druck lösen und lange Bälle auf schnelle Stürmer spielen. Dann stehen die vorderen Linien plötzlich weit weg vom eigenen Tor. Viele Gegner antworten deshalb mit tiefem Block und Kontern, andere mit Spielverlagerung. Der Taktikratgeber Fußballtaktik für Einsteiger erklärt die Grundformationen, die darauf Antworten geben.
Im Zweifel ist Gegenpressing also kein Dogma, sondern ein Werkzeug. Gute Trainer wählen den Moment: Pressen, wenn der Gegner schwach steht, und sich ordnen, wenn die Staffelung gerissen ist.
